Keinen Millimeter (16.5.2019)

 

https://mein.aufstehn.at/petitions/keinenmillimeter

Zitat: Weltweit werden Rechte von Frauen* wieder angegriffen und zurückgedrängt. Auch bei uns in Österreich. Wir fordern die Regierung auf, #KeinenMillimeter Rückschritt zu machen! Weder der Spätabbruch noch die Fristenlösung dürfen eingeschränkt werden.

 

Gerhard leidet an einer schweren Gen-bedingten Sehbehinderung. Hier möchte er uns erzählen, warum er #KeinenMillimeter unterstützt:

"Es kann nicht der humanäre Weg sein!"

Zuerst möchte ich Ihnen einen Eindruck vermitteln, wer hinter diesen Zeilen steckt. Ich bin 44 Jahre und habe einen genetischen Defekt, der laut Wissensstand erblich ist. Diese Krankheit heißt Retinitis Pigmentosa, und ist degenerativ, wird also schrittweise schlimmer, sie wirkt sich auf die Netzhaut im Auge aus, und kann auch zur kompletten Erblindung führen.

Ich selbst bin bereits als blind eingestuft, habe aber noch ein gewisses zentrales Restsehvermögen.

Natürlich habe ich mich, gerade aufgrund der Verschlechterung meines Sehvermögens, immer mehr für die verschiedensten Belange von Menschen mit Behinderung interessiert. Im Besonderen auf der Grundlage unserer gesetzlichen und sozialen Gegebenheiten, und dem Umgang unserer Gesellschaft mit Behinderungen bzw. behinderten Menschen im Alltag, also dem Behindertengleichstellungsgesetz, UN‐BRK, Barrierefreiheit usw. und der Umsetzung dergleichen.

Vor einigen Wochen habe ich nun aus den Medien Berichte zu der Initiative "Fairändern" gehört und war tatsächlich ein wenig erschüttert, dass es solche Rückschritte für Eltern, aber vor allem Frauen, wieder geben kann!

Warum möchte man einen letzten "Notausgang" ‐ als solchen sehe ich die heutige Form der Spätabtreibung in diesen Fällen ‐ Eltern und Frauen völlig verwehren? Wir sprechen hier von Spätabtreibungen von ungeborenen Kindern, die so schwere Beeinträchtigungen haben, dass ein Überleben selbst mit schweren medizinischen Eingriffen eher unwahrscheinlich ist, und selbst wenn diese Kinder überleben, ihnen ein freies, selbstbestimmtes und unabhängiges Leben kaum möglich sein wird.

Es ist in diesen Fällen nicht so, dass eine Spätabtreibung automatisch gewährt wird. Nach einer Diagnose gibt es umfangreiche interdisziplinäre Gespräche, psychologische Beratungen und zuletzt eine Ethikkommission, die über Gewährung oder Ablehnung der Abtreibung entscheidet. Dies alles nur auf Wunsch der Mutter!

Ich persönlich habe mich, neben anderen Gründen, gemeinsam mit meiner Frau dafür entschieden, keine Kinder zu bekommen, weil die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe meines Gendefekts groß ist!

Ich habe mich also auf Grund einer mir bekannten Diagnose eines Gendefekts, VOR einer Zeugung dazu entschlossen, keine Kinder zu bekommen. Was ist anders bei dieser Situation als bei den Spätabtreibungen, wie sie jetzt vorgenommen werden dürfen ‐ der Zeitpunkt der Diagnose! Eltern oder Frauen bekommen erst während der Schwangerschaft eine Diagnose, und können erst dann eine Entscheidung treffen, und in diesen Fällen ist die Schwere der wahrscheinlichen Beeinträchtigung noch deutlich höher als bei mir!

Da ich mich vor kurzer Zeit auch dazu entschlossen habe, nicht nur kritische Äußerungen zu verbreiten, wie es in den Sozialen Netzwerken oftmals gang und gäbe ist, bin ich nun auch politisch aktiv! Ich nehme mich besonders auch Themen von Menschen mit Behinderung an, und muss hier klar erkennen, es geht uns mit Sicherheit nicht schlecht in diesem Land, aber von einer zufriedenstellenden Situation für Menschen mit Behinderung, sind wir noch weit entfernt!

Also: Sollte es nicht das Ziel von Initiativen sein, die Energie und das Engagement in die Verbesserung der aktuellen Lage zu investieren (soziale Versorgung, Barrierefreiheit im täglichen öffentlichen Raum, garantierte Versorgung von schweren Pflegefällen, usw.)?

Sollte es wohl! Und erst dann, wenn ein hoher Grad der Garantie für ein selbstbestimmtes, abgesichertes Leben von Menschen mit Behinderung erreicht ist, gäbe es einen Zeitpunkt in dem man über die Frage diskutieren kann, ob die Notwendigkeit für Spätabtreibungen auf Grund schwerer Beeinträchtigen noch vorhanden ist. Aber selbst dann wird es voraussichtlich schwere Sonderfälle geben, denen man einen „Notausgang“ nicht komplett versperren darf!

Es kann nicht der humanere Weg sein, Frauen, Eltern aber auch Ärzte dazu zu zwingen, in jedem Fall eine Geburt durchleben zu müssen, um nach einigen Tagen, Wochen oder Monaten, das Kind sterben zu sehen ‐ nicht in einem aufgeklärten demokratischen Land!

Notlagen und schmerzliche, schwierige Situationen, bedürfen immer Möglichkeiten, diese zu lösen.

Im Optimalfall mit professioneller Beratung und Begleitung, aber auf keinen Fall mittels eines aufgezwungenen Weges, ohne Alternative und ohne Perspektive. Zudem ist es, neben dem ohnehin schon schmerzlichen Aspekt, eine zutiefst persönliche Entscheidung, die sich schwerwiegend auf Frauen, bzw. Mütter und Familien auswirkt!

(Gerhard Hämmerle, 44, stark sehbehindert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Partei "Demokratische Alternative")